12. Februar 1977
Tennis Borussia Berlin - Bayern München 3:1 (1:0)

Die Entwicklung hatte sich angebahnt und ist gleichsam dem Alltagsleben entlehnt. Eine Stadt ändert ihr Gefühlsleben. Eine Stadt verschmäht die alte Liebe, Hertha BSC, und wirft sich der Rivalin in die Arme. Vor allem aber: Eine Stadt nimmt plötzlich intensiv Anteil an einem vor wenigen Wochen ausweglosen Schicksal. 40.000 Berliner sprangen berauscht auf die Bänke, tobten, überschütteten die 'Veilchen' mit Beifallsstürmen, als das 3:0 nach einem unwiderstehlichen Sturmlauf des schwedischen Kraftpakets Benny Wendt die Bayern dem Abgrund entgegengetrieben hatte. (Ulrich Fuhrmann)


So und ähnlich berichteten damals die Zeitungen über die Sternstunde der Borussen, die Sensation des 22. Spieltags der Bundesliga-Saison 76/77. Auch die Süddeutsche Zeitung beschwor in ihrer Ausgabe vom 14.02.77 einen 'Machtwechsel von Hertha BSC zu Tennis Borussia' herauf, sollte der Klassenerhalt doch noch realisiert werden. Vermutlich hatte TeBe in seiner zweiten Erstligasaison in der Gunst der neutralen Zuschauer mit der Nr.1 der Stadt zumindest gleichgezogen.

Zum Zeitpunkt des Spiels standen die Gäste aus München auf dem dritten Tabellenplatz, fünf Punkte hinter Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach. Der Erfolg trug zu einer der schwächsten Bayern-Halbserien der Bundesligageschichte bei. Durch 15:19 Punkte in den 17 Rückrundenspielen verpaßte der damalige Weltpokalsieger sogar die Qualifikation zum UEFA-Cup (rückte aber durch den DFB-Pokalsieg des 1.FC Köln doch noch in den internationalen Wettbewerb).

Tennis Borussia wurde vor dieser Saison allgemein nicht unbedingt als große Konkurrenz empfunden. Trainer Rudi Gutendorf verkaufte sogar seinen fahrbaren Untersatz, einen Mercedes, um dem Verein die Verpflichtung eines gutklassigen Stürmers zu ermöglichen. Geholt wurde der Schwede Benny Wendt, von dem ältere TeBe-Fans noch heute schwärmen. Noch in der Winterpause ließ Gutendorf vernehmen: 'Wenn ich mit dieser Mannschaft die 1. Liga halte, dann ist das das größte Ding, das ich je gemacht habe.' Tatsächlich hatte Gutendorf aus dem 'Punktelieferanten' spätestens in der Winterpause ein ernstzunehmendes, kampfstarkes Team gemacht, das in der Lage war, etablierte Clubs wie Hertha BSC (2:0) oder Kaiserslautern (4:2) zu besiegen. Dennoch sollte es nicht reichen. 22 Punkte genügten bei weitem nicht, um den sofortigen Wiederabstieg zu verhindern.

Abschlußtabelle 1. Bundesliga 1976/77

 1. Borussia M`Gladbach       34   17   10    7  +  24    58-34    44-24
 2. FC Schalke 04             34   17    9    8  +  25    77-52    43-25
 3. Eintracht Braunschweig    34   15   13    6  +  18    56-38    43-25
 4. Eintracht Frankfurt       34   17    8    9  +  29    86-57    42-26
 5. 1.FC Köln                 34   17    6   11  +  22    83-61    40-28
 6. Hamburger SV              34   14   10   10  +  11    67-56    38-30
 7. FC Bayern München         34   14    9   11  +   9    74-65    37-31
 8. Borussia Dortmund         34   12   10   12  +   9    73-64    34-34
 9. MSV Duisburg              34   11   12   11  +   9    60-51    34-34
10. Hertha BSC Berlin         34   13    8   13  +   1    55-54    34-34
11. SV Werder Bremen          34   13    7   14  -   8    51-59    33-35
12. Fortuna Düsseldorf        34   11    9   14  -   2    52-54    31-37
13. 1.FC Kaiserslautern       34   12    5   17  -   6    53-59    29-39
14. 1.FC Saarbrücken          34    9   11   14  -  12    43-55    29-39
15. VfL Bochum                34   11    7   16  -  15    47-62    29-39
16. Karlsruher SC             34    9   10   15  -  22    53-75    28-40
17. Tennis Borussia Berlin    34    6   10   18  -  38    47-85    22-46
18. Rot-Weiß Essen            34    7    8   19  -  54    49-103   22-46

Das Spiel vom 12.02.77 in nüchternen Zahlen:

Tennis Borussia - Bayern München 3:1 (1:0)
Tennis Borussia: Groß (1) - Savkovic (2), Hochheimer (2), Jakobs (2), Schneider (2) - Baake (2), Schulz (2), Berkemeier (1) - Stradt (3), Wendt (2), Sprenger (2) - Ausgewechselt: 76. Schmitz (0) für Schneider, 89. Zimmer (0) für Stradt - Trainer: Gutendorf.
FC Bayern: Maier (2) - Gruber (3), Beckenbauer (2), Schwarzenbeck (3), Horsmann (2) - Roth (4), Hoeneß (3), Torstensson (3) - Rummenigge (3), Önal (4), Kapellmann (5) - Ausgewechselt: 46. Weiß (4) für Roth, 63. Kirschner (3) für Önal - Trainer: Cramer.
Tore: 1:0 Wendt (43.), 2:0 Baake (52.), 3:0 Wendt (76.), 3:1 Kirschner (83.) - SR: Waltert (Paderborn) - Zuschauer: 40.000.

Weit weniger nüchtern fiel damals das Presse-Echo aus. U. Fuhrmann schrieb: 'Erst nach dem 3:0, als Sepp Maier gut und gerne schon fünfmal hinter sich gegriffen haben konnte, zähmten die entfesselten Borussen ihre Begeisterung. Sie spielten den Weltpokalsieger in die Ecke, führten die schwerfälligen Münchner phasenweise selbst vor, ließen sie tanzen; eine Supervorstellung oder, wie Gutendorf schwärmte, 'eine Sternstunde für jeden Trainer.'' K. Dose: 'Es war das begeisterndste Bundesligaspiel dieser Saison in Berlin. Eine über sich hinauswachsende Tennis Borussia kam gegen Bayern München zu einem Sieg, der noch klarer hätte ausfallen können. [...] Im Mittelfeld war TeBe die klar bessere Mannschaft, so daß es in erster Linie Verdienst Maiers, Beckenbauers und Horsmanns ist, daß die Niederlage in Grenzen blieb.'

Gute, alte Zeit...



Letzte Änderung: 13.02.01